Bildquelle: Georg Rittstieg

Einsam war sie nie wirklich, obwohl sie allein ist

Es war ein Einsatz am frühen Morgen um 6 Uhr. Die Dame, kein Leichtgewicht, war aus dem Bett gefallen und kam nicht mehr alleine hoch. Die Gesundheit war angeschlagen, das Gewicht hoch und so drückte sie den Notrufknopf um meine Aufstehhilfe zu beanspruchen.

Wenn es die Kollegen der Feuerwehr braucht

In unseren Hausnotrufeinsätzen sind wir immer alleine unterwegs. So kam es, dass ich, um dieser Dame schonend helfen zu können, die Hilfe des Rettungsdienstes der Feuerwehr brauchte. Wir warteten auf die Kollegen und ich deckte die Dame zu, damit sie nicht auch noch frieren muss.

Beim Warten kommst Du ins Reden

Wir kamen ins Gespräch, das Wochenende war nicht mehr weit und ich fragte sie, ob sie Familie habe, ob womöglich die Kinder zu Besuch kämen.
„Nein, mein Mann ist verstorben und meine Kinder leben im arabischen Raum.“ Sie schaute mich ruhig und gelassen an. Sie lebt in Hamburg, die Kinder sehr weit weg. Ich erfuhr, dass sie tatsächlich im Jemen geheiratet hatte und dann mit ihrem Mann in den Nachbarländern ein glückliches Leben geführt hatte. Zwei Kinder waren das Ergebnis ihrer Liebe. Und beide Kinder „haben jetzt eigene Familien und leben weiterhin da unten“.

Es geht auch um das eigene Glück

Still hörte ich ihr zu. Der Mann schon verstorben, die Kinder sehr weit weg und sie ganz alleine in Hamburg. Ich stellte mir das irgendwie einsam vor und fragte mich, warum sie dann so weit weg von den Kindern lebt. Sie kannte diese Fragen wohl schon und antwortete auf meine nicht-gestellten Fragen:
„Wissen Sie, dort unten ist es als Witwe nicht immer einfach. Und ich wollte meine Kinder nicht belasten. So habe ich mich dann entschlossen, im Alter zurück zu gehen zu meinen Hamburger Wurzeln.“
Sie fuhr fort, dass, wenn die Kinder erwachsen sind, es auch mal um das eigene Glück gehe. Man sei letzten Endes immer für sich selbst verantwortlich.

Alleine ja, aber nie einsam

Kaum war sie wieder in Hamburg, und jetzt leuchteten ihre Augen, obwohl sie am Boden vor ihrem Bett lag und wir auf die Feuerwehr warteten, besuchte sie einen Kurs nach dem anderen. Volkshochschule, private Kurse, alles mögliche. Sie hat nochmal richtig Gas gegeben, wie sie jetzt lachend sagte. Unglaublich, diese Freude zu sehen und zu spüren, sie liegt alt und schwer angeschlagen am Boden vor ihrem Bett und freut sich. Erinnerungen tauchten vor ihrem inneren Auge auf, Erlebnisse blitzen durch ihren Raum und sie schien glücklich.

„Meine Familie ist weit weg und das tut weh. Aber anstatt den ganzen Tag zu weinen, habe ich etwas aus meinem Leben gemacht. Die Kurse haben mir Spaß gemacht, ich habe viel gelernt und bin im Kopf jung geblieben!“

Mittlerweile waren die Kollegen von der Feuerwehr da und sie lag wieder in ihrem Bett. Mit einem fast seligen Lächeln dankte sie uns und schlief glücklich ein. Und ich fuhr in unsere Zentrale zurück, hatte mittlerweile Feierabend und lächelte. Ein bisschen war es ihr Lächeln und auch meines – ich hatte live erlebt, dass es wohl nie zu spät ist, für glückliche Momente im Leben zu sorgen.

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