Bildquelle: Georg Rittstieg

Leseprobe – dieser eine Satz löste Tränen aus

Der Alarm kam spät am Abend rein. Eine alte Dame war auf dem Rückweg vom Bad zu Bett gestürzt. Mein Einsatz.

Beim Betreten der Wohnung fielen mir sofort die zahlreichen schönen Photos auf den Wänden auf. Sie zeigten eine lebendige Frau, oft beim Tanzen, immer irgendwie in Bewegung. Und nun war schon der Weg zum Bett beschwerlich.

Ich fand sie am Boden zwischen Bett und Kommode. Sie hatte sich noch eine Decke vom Bett ziehen können, damit sie hilflos wartend nicht auch noch frieren musste. Sie war erleichtert, mich zu sehen. Wenige Augenblicke später, ihr war schnell aufgeholfen, saß sie auf ihrem Bett. Sie war recht still und bedankte sich. Einen Moment später legte sie sich, noch vom Tag gekleidet, ins Bett und zog die Decke hoch. Ihr Blick: Angestrengt und traurig zugleich.

Alt zu werden ist scheinbar wirklich nichts für Feiglinge

Ob sie Schmerzen habe, fragte ich ein zweites Mal. Nein, es waren keine körperlichen Schmerzen. Und dann kullerten die Worte, dicken Tränen gleich, über die Decke:

Es war ihr entsetzlich peinlich, gestürzt und auf meine Hilfe angewiesen zu sein, nicht einmal mehr alleine ins Bett zu kommen. Alles so peinlich. Und umziehen für die Nacht wollte sie sich auch nicht mehr, es war alles schon egal. Ich erinnerte die Bilder, ihre Erinnerungen an ein lebendiges Leben in Bewegung. Frei und unbeschwert. Lust- und kraftvolle Bewegungen zur Musik, Tänze des Lebens. Und jetzt?

Ich spürte ihre Trauer, sah ihre Wut auf sich und das Leben. Und ich lächelte sie an und fragte sie: „Wissen sie, welchen Vorteil ihr Sturz hat?“

Mit großen Augen blickte sie mich an. Ein Vorteil? Etwas Gutes im Sturz? Sie schien sich zu fragen, ob ich nicht ganz dicht sei.

„Es war mir eine Ehre, Ihnen zu begegnen! Diesen Vorteil hat ihr Sturz, ich freue mich, sie kennen gelernt zu haben!“

Ihre Augen wurden erst noch größer, und dann klein. Der Kopf sank in die Kissen und dicke Tränen rannen ihr über die blassen Wangen. Im Fernsehen sang ein Schlagersänger von der Liebe und sie flüsterte ein leises „Danke!“

Wo kam denn der Satz her?

Was war mir da passiert? Ich war schon auf dem Weg zum nächsten Einsatz und ich fragte mich, woher mein Satz mit dem Vorteil kam. Ich bin kein Heiliger und bin auch nicht auf dem Tripp, die Welt zu retten. Er war einfach da der Satz und wollte ausgesprochen werden. Nicht etwa, um sie zu beeindrucken, oder hier vor dir als so klug dazustehen. Sondern dieser Satz war da, weil er meiner Empfindung entsprach. Ich mache diese Arbeit nicht deshalb, weil mein Chef mich dazu zwingt. Ich mache es, weil mir solche Begegnungen etwas bedeuten.


Das ist ein Auszug aus meinem neuen Buch

Wenn Dich diese kurze Leseprobe berührt – magst Du dann mit uns teilen, was daran Dich berührt? Und vergiss nicht, Dich in meinen Newsletter einzutragen. Da schenke ich Dir zwar keinen Kühlschrank – dafür noch mehr Berührungen.

3 Antworten

  1. Georg, wenn Dein Buch herauskommt, werde ich mehrere kaufen, dann kann ich sie verschenken an Leute, denen ich unsere Arbeit näherbringen möchte, weiter so! Lieben Gruß Christine

    1. Moin Christine,

      oh wie lieb von Dir. Danke schon jetzt!
      Ja, unsere Arbeit wirkt erstmal eher langweilig, wenn man dann davon erzählt, leuchten die Augen.
      Mich berühren die alten Leute oft sehr und das macht mich demütig und dankbar.

      Liebe Grüße,

      Georg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

about