Bildquelle: Marija Kanizaij

Leseprobe – sie kommen, obwohl wir sie ignorieren

Werden und Vergehen. Leben und Sterben.
Und der Tod betrifft nur die Anderen.

Irgendwie ist es auch so mit dem Alter. Das wird ignoriert, Alte nerven und überhaupt, die sollen doch..

Wie oft habe ich gehört, dass die Alten doch zu anderen Uhrzeiten einkaufen gehen sollen, nicht dann, wenn die Berufstätigen im Supermarkt auf der Jagd sind. Im Bus stehen die Alten im Weg, machen alles langsam und sie haben immer Anrecht auf einen Sitzplatz.

Und in Wirklichkeit?

Oft habe ich das Gefühl, es geht nicht um alte Menschen selbst, sondern eher, ähnlich wie beim Tod, um die unbewusste Angst, selbst einmal alt zu werden.

Ich kann den Tod verdrängen, ich kann das Alter ignorieren. Es betrifft mich ja nicht. Ich kann so tun, als ob es nicht ist, weil ich es nicht denke. Kann ich machen. Und was ist so klug daran? Beide, Alter und Tod kommen gnadenlos, egal wie sehr ich sie wegdenke. Da scheint es Probleme bei den Wünschen ans Universum zu geben – hier wird der ewige Jungbrunnen nicht geliefert. Zumindest nicht so, wie ich es dann wohl gerne hätte.

Eigentlich

Dann könnte ich hergehen und sagen: Wenn mich also der Tod ohnehin holt und vorher das Altenheim ruft, dann genieße ich doch vorher das Leben. Dann feiere ich doch meine gesunden und fitten Tage.

Aber nein, auch hier denke ich scheinbar falsch. Die Wahrheit ist doch, wir Menschen wollen das Leben in eine Form zwingen. Leben findet statt, wenn die Rente eingereicht, die Pension ausbezahlt wird. Dann kommt die Weltreise, die Ausflüge, die Opernbesuche oder was auch immer. Erst Leistung-Wahn, dann Pension und Leben. Daran hat sich das Leben gefälligst zu halten.

Ein Denkfehler?

Könnte da ein Denkfehler vorliegen? Wenn die Pension erreicht ist, dann gehst du Tauben füttern und mäanderst mit einem Gehstock bewaffnet von Parkbank zu Parkbank, meint etwa Manfred Winterheller und seinem hörenswerten Programm „Start Living“.

Sicher, etwas extrem ausgedrückt, aber darum geht es: Lebe heute, dein Morgen könnte schon Einschläge mit sich bringen. Weil das Leben eben nicht in Formen gepresst werden kann.

Carpe diem, nutze den Tag, tausende Jahre alt diese Empfehlung. Oder denken wir an Tolle’s Buch „Jetzt“. Das wird nachgeplappert und gefeiert, als das neue Heute gepriesen. Scheiss auf Cape Diem, nun zählt ‚Jetzt‘. Mit dem selben Phänomen: Beides wird nachgeplappert, aber nur selten wirklich gelebt. Dafür hat ‚man‘ keine Zeit, das mache ich dann in der Pension. What? 

Keine Zeit

Im Kriseninterventionsteam, wir kommen immer dann, wenn es um den Tod geht, habe ich oft genug erlebt, wie schnell die Nummer mit dem „mache ich später“ echt schief gehen kann.

Das fasziniert mich einfach. Wir reden, wir Behirnen alles, klugschwätzen gerne und wenn es dann ums Handeln geht, also um die Umsetzung der klug nachgeplapperten Empfehlungen, dann haben wir gerade keine Zeit. Wow.

Erinnerst du noch das Buch „5 Dinge die Sterbende am meisten bereuen“? Faszinierende Bekenntnisse Sterbender. Eine Hospizmitarbeiterin hat Sterbende befragt, was sie am meisten bereuen. Einer der Punkte: Keine Zeit gehabt zu haben für Familie, Kinder, Leben.

Auch dieses Werk wird gefeiert. Frage ich dann, ob davon etwas umgesetzt wird, kommt: Keine Zeit dafür.

Meine neuen Lehrer haben mich gerettet

Verdammt. Was ist los mit uns? War ich da klüger und besser? Nein! Auf keinen Fall. Auch ich lebte die Keine-Zeit-Falle, bzw war nicht mutig genug für die Umsetzung. Ich hatte dann Glück: Durch meine Mitarbeit im Rettungsdienst, im KIT und privaten Begegnungen wurde der Tod zu meinem wichtigsten Lehrer und Erinnerer.

Was nicht bedeutet, dass ich heute fast Weise wie ein Guru durchs Leben schwebe. Sicher nicht. Der Tod ist mein Erinnerer, und ich brauche regelmäßige Erinnerungen daran, dass das Morgen im Grunde eine Illusion ist, eine Hoffnung vielleicht, aber das Leben immer nur Jetzt stattfindet.

Ohren auf – dann hörst Du

Manchmal kommen diese Erinnerungen auch mitten in Gesprächen. Wieder ein Telefonat mit Miriam. Ich erzählte ihr von einem Einsatz im Hausnotruf: Ein alter Mann, alleine lebend, seine Frau vor 20 Jahren gestorben, seine Tochter nahm sich das Leben, lag nackt und bewegungsunfähig im Bett. Sein Handy unerreichbar im Flur, seine einzige Verbindung zum Überleben: Der kleine Knopf zum Hausnotruf an seinem Handgelenk. Er brauchte Hilfe. Zu alt zum alleine Leben, zu unkrank für eine Klinik, weder ein Pflegedienst gebucht, noch ein Altenheim. Und jetzt? Ablegen und sterben?

Was für eine Gesellschaft sind wir, wenn wir Alte einfach in der Bude sterben lassen, weil niemand zuständig ist? Einerseits.

Andererseits haben wir Menschen eine Selbstverantwortung. Und die Gesellschaft kann nicht immer automatisch jeden Sonderfall von sich aus abdecken.

Eine schwierige Lage. Auch für uns im Hausnotruf.

Ich war ein wenig verzweifelt, eine kluge Antwort war hier schwer. Miriam wusste auch nicht, was wirklich anders zu machen wäre. Ausser:

„Karma is a bitch – so wie wir mit den Alten umgehen, wird dann mit uns umgegangen werden.“

Miriam Leder

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